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Glasbrücke, Schriftkunst - Sabine Richter

Inschrift

Fast schwerelos spannt sich der Glassteg zwischen Hörsaalgebäude und Laborgebäude. Er verbindet nicht nur die alte und die neue Architektur, sondern auch die verschiedenen Bereiche des Lernens: das rezeptive Aufnehmen des Wissens in Bibliothek und Hörsaal und das aktive Erforschen im Labor. Diesen Ort, der wie eine metaphorische Situation gelesen werden kann, wähle ich als Standort meines Entwurfs.
In Augenhöhe läuft ein sandgestrahlter Schriftzug wie eine Laufschrift über den Verbindungssteg und begleitet die Lehrenden und Lernenden auf ihrem Weg ins benachbarte Gebäude. Die Schrift ist so angebracht, dass der gesamte Text von innen gelesen werden kann. Betritt man die Anlage von außen, erkennt man aus der Entfernung ein sich überlagerndes Schriftband, das auf den ersten Blick seinen Sinn nicht preisgibt. Erst wenn man sich dem Gebäude nähert, schiebt sich der hintere Text perspektivisch unter den vorderen und wird lesbar. So ist der Text von nah und fern, von innen sowie von außen zu lesen und verwandelt die Glaswände in eine sichtbare Membran zwischen Innen und Außen. Die beiden Zeilen stammen aus dem Gedicht "Inschrift" des Dichters Zbigniew Herbert.

WENN DIE QUELLE DER STERNE VERDORRT WERDEN WIR DEN NÄCHTEN LEUCHTEN WENN DER WIND VERSTEINERN SOLLTE WERDEN WIR DIE LUFT ERSCHÜTTERN

In paradoxen Metaphern erinnert der Text eindringlich an die Verbindung des Menschen mit der Natur und weist den Betrachter auf die Notwendigkeit menschlichen Handelns im nicht abgeschlossenen Entstehungsprozess der Welt.

Sabine Richter, 2001